Die historische Montagsdemonstration von Leipzig - Serie: 'Mit Faust und Kerze' (6)

In Leipzig jedoch stehen an diesem 9. Oktober die Zeichen auf Sturm. Noch zu gut ist vielen ein Artikel der Leipziger Volkszeitung (LVZ) vom vergangenen Freitag in Erinnerung, in dem ein Kommandeur der DDR-Kampfgruppen mit dem Demonstranten abrechnet. Es sei an der Zei, "diese konterrevolutionären Aktionen endgültig und wirksam zu unterbinden. (....) "Wenn es sein muß, mit der Waffe in der Hand!"

Für diesen 9. Oktober haben die Sicherheitskräfte in der Messestadt Einiges aufgefahren. Mehr als 3.000 Polizisten und acht Kampfgruppenhundertschaften sind im Einsatz. Ausgerüstet sind sie mit Wasserwerfern, LKW mit Sperrschildern und Schützenpanzerwagen. Daneben stehen 1.500 Soldaten der NVA in Bereitschaft. Hinzu kommen 5.000 so genannte "gesellschaftliche Kräfte" – unter ihnen viele SED-Mitglieder und Mitarbeiter der Karl-Marx-Universität - die sich den Demonstranten entgegenstellen sollen. 


Auf der anderen Seite mahnt die oppositionelle Sammlungsbewegung 'Neues Forum' zum Gewaltverzicht. Auch in einem Appell von Leipziger Menschenrechtsgruppen ist dies das bestimmende Thema:



"Enthaltet Euch jeder Gewalt! Durchbrecht keine Polizeiketten, haltet Abstand zu Absperrungen! Greift keine Personen oder Fahrzeuge an! Werft keine Gegenstände und enthaltet Euch gewalttätiger Parolen! Seid solidarisch und unterbindet Provokationen! An die Einsatzgruppen appellieren wir: Enthaltet Euch der Gewalt! Reagiert auf Friedfertigkeit nicht mit Gewalt! Wir sind ein Volk!"

Das Unerwartete geschieht. Nach dem Friedensgebet, dass an diesem Montag in vier Kirchen abgehalten wird – versammeln sich Zehntausende auf dem nahe gelegenen Karl-Marx-Platz. Sie rufen: "Keine Gewalt" und "Wir sind das Volk".

Die Menge marschiert friedlich in Richtung Hauptbahnhof, später am Kaufhaus 'Konsument' entlang, an der Stasi-Zentrale vorbei. Niemand hält sie auf, keine Polizeikette stellt sich ihr in den Weg. Die DDR-Staatsmacht hat an diesem 9. Oktober in Leipzig vor annähernd 100.000 friedlichen Demonstranten ihre Allmacht aufgegeben.

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