Klare Kante: Wenn die CDU zerbricht (Eine Replik)

Hallo Fred,
mir stellt sich das von Dir beschriebene christdemokratische Dilemma wie folgt dar:

Eine Duldung von Ramelow würde viele in der Union entzürnen, die sich immer noch im Kalten Krieg wähnen und gegen die SED-Nachfolger wettern. Dieses Milieu hatte aber erstaunlicherweise nie Abgrenzungsprobleme zu Filbinger, Kiesinger, Globke oder ein Problem mit der Tatsache, dass die Union eine Nachfolgepartei des Zentrums ist. Politiker dieser Partei haben - wie uns Altmaier am Sonntag sagen wollte - dem Ermächtigungsgesetz zugestimmt. Das gehört zum Versagen der Konservativen.

Vielen schiene die Duldung von Ramelow aber auch verzeihlich.

Eine Kooperation mit der AfD würde die Union völlig zerlegen - unabhängig davon, wie viele Wähler diese Partei hat. (Und auch wenn ich NS-Vergleiche meide - Hitler ist über den parlamentarischen Weg, über Zähmungskonzepte und eine Machtübertragung zum Kanzler gekürt worden.) Die CDU ist eben nicht nur die Partei der Globkes, sondern heute die Partei von Laschet, Günther, Grütters oder Polenz. Und die vertreten liberale christdemokratische Positionen und repräsentieren ein pro-westliches bzw. sozialkatholisches Milieus, die langfristig in scharfer Differenz zur AfD stehen. Deine Perspektive bezieht sich auf den Osten, wo es Kooperationen auf lokaler Ebene ja schon gibt. Im Westen spricht die Aussicht auf eine Kooperation nur eine Minderheit an.

angela merkelUnd alle, die jetzt die Staats- und Parteichefin schmähen, mögen doch bitte bedenken, was die - Vorsicht, Unwort! - Alternative gewesen wäre - ein Wortbruch der Partei und Kanzlerin als Konzession an den Hütchenspieler Mohring? Wo doch in der internationalen Presse jenseits der NZZ vor der Machtergreifung gewarnt wurde? Vergessen diese Leute, das die politische Ökonomie dieses Landes vom Export - und damit auch vom Image - abhängig ist?

Nein, dieser Vorstoß war, wer immer das ausgeknobelt hat, zu undurchdacht. Er hat aber die Spaltungslinien (Ost-West, rechtskonservativ vs. liberal) sichtbar gemacht. Das Theater macht mir Spaß.

Kretschmer ist by the way zu unbekannt und steht halt für Sachsen. In Städten wie Frankfurt a.M., Hamburg, Berlin oder Köln - die wahlarithmetisch wichtig sind - wäre er nicht vermittelbar. Und der Merz? Ein Atlantiker aus dem Hause BlackRock, der die Republik immer noch für ein großes Schützenfest hält? Wäre der nach dem Geschmack der Ost-Wähler der AfD? Und überhaupt Osten: Wenn ich, wie zuletzt, in Dresden debattiere, erkenne ich an der Uni (die nicht gerade klein ist) keinen Unterschied zum ach so liberalen Aachen.

Und für die Linke wäre Merz doch wunderbar: Endlich wieder, wie früher Strauß, ein echtes Arschloch als Kandidat der Reaktion. Dialektik gehört nicht zu den Grundbegriffen der Rechten - sonst hätten sie eine Ahnung davon, wie mobilierend ihre Aktion für die Gegenseite war.

Also: Wir erleben eine vorläufige Umgruppierung des Parteiensystems. AfD vs. Grüne als die neuen großen Parteien in Ost und West, die Linke als Bayernpartei des Ostens, FDP und SPD als kleine Parteien. Und die Union richtet sich aktuell auf die Rolle in der Defensive ein.

Rotfront und Gottes Segen!
R. - 10. Februar 2020, 21:09 Uhr

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